Das blaue Gold
Das Blaue Gold oder die Erfindung des Bleu d'Auvergne
Laqueuille, im Departement Puy de Dôme, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts: In einer sehr ländlichen Auvergne, die noch nicht von der industriellen Revolution beeinflusst wurde, lebt Antoine Roussel. Er ist das jüngste Kind einer Familie mit elf Kindern, ein sehr introvertierter und hoch intelligenter Knabe. Er ist anders als seine Kameraden, deren Eltern auf den Märkten grosse und unregelmässig mit Schimmel versehene Laibe Rochefort-Käse verkaufen. Antoine interessiert sich schon sehr bald für die Botanik-Kenntnisse seiner Mutter und für die Vulkanologie. Er ist ein ausgezeichneter Schüler und kümmert sich in seiner Freizeit um den Bauernhof der Familie, indem er während der Sommerzeit den Kurgästen aus Mont-Dore den Hof zeigt. Unter diesen Gästen trifft er auf einen Apotheker aus Rouen, der von der Intelligenz des jungen Mannes beeindruckt ist, und ihn in seiner Apotheke als Kräuterfachmann einstellt. In Rouen entdeckt Antoine eine neue Welt, das Arbeiter-Milieu, die Baumwollfabriken, seine ersten Liebschaften... Während eines Ausflugs nach Honfleur probiert er zum ersten Mal den bekannten, exzellenten englischen Käse, den blauen Stilton. Dies ist für ihn eine absolut beeindruckende und prägende Erfahrung, die bei ihm eine Art Berufung auslöst. Er möchte den lokalen Käse, die Fourme, so verbessern, dass ein Blauschimmel-Käse entsteht, der sich auch über das Massif du Sancy hinaus verkaufen lassen könnte. Sobald er in seine Heimat zurückgekehrt ist, unternimmt er die entsprechenden Versuche und tastet sich langsam an das gewünschte Ergebnis heran. Er erfindet sozusagen den Bleu de Laqueuille. Dieses Produkt wird das friedliche Leben der Bauern am Westhang des Sancy und der umliegenden Gemeinden völlig verändern: sie werden zu den führenden Produzenten von Blauschimmel-Käsen; dem Bleu de Laqueuille, dem Bleu d'Auvergne und vielen anderen.(Quelle: Philippe Robin: L'Or Bleu, Série Vents d'Histoire, Editions de Borée, 2017, ISBN 978-2-8129-2061-5)
Im Volksmund wird erzählt, Antoine Roussel habe 1854 den Bleu de Laqueuille erfunden; dabei handle es sich um den ältesten Blauschimmelkäse der Auvergne. Er habe Käse und Brot nebeneinander gelagert und den Zusammenhang erkannt, dass der Schimmel auf dem Roggenbrot in den Käse gelangt und sich in diesem verbreitet habe. So habe er den Schimmel direkt in die Milch oder in den Käsebruch gegeben und überlegte, dass der Schimmel für die Entwicklung Sauerstoff haben müsse. Da er gerade Stricknadeln zur Hand hatte (!), stach er mehrmals in den Käse und erzielte so eine gleichmässige Verteilung in der ganzen Käsemasse. Diese Geschichte wird praktisch bei jedem Blauschimmel-Käse als Grundidee erzählt.